Archiv für April, 2013

Der Mann hinter der Hirzen-Villa

Mit dem geplanten Verkauf seines herrschaftlichen Anwesens in Riehen, sorgte J. Rudolf Geigy für Aufsehen. Wer ist der Mann, dessen Name Geschichte und Geschichten verspricht? Ein Besuch auf dem Bäumlihof.

Das Anwesen «Zu den Hirzen» auf dem Bäumlihof zwischen Basel und Riehen. (Fotos: J. Gernet)

Das Anwesen «Zu den Hirzen» auf dem Bäumlihof zwischen Basel und Riehen. (Fotos: J. Gernet)

J. Rudolf Geigy steht zwischen Birken und Backsteinvilla und lässt den Blick über sein Anwesen schweifen. Auf den angrenzenden Feldern pflückt eine Spaziergängerin Blumen. Ein künstlich angelegtes Bächlein plätschert zum Teich mit Trauerweide. «Das ist schon ein Refugium», sagt der Hausherr. Eine imposante Erscheinung in Seidenschal, Hemd und Cordhose, Bart und Schnauz adrett gestutzt. J. Rudolf Geigy – das «J» vor seinem Vornamen steht für Johann, damit heisst der studierte Jurist gleich wie vier seiner sechs männlichen Vorfahren.

Vor knapp drei Wochen wurde bekannt, dass Geigy sein über drei Hektar grosses Familienanwesen «Zu den Hirzen» zwischen Basel und Riehen für 39 Millionen Franken verkaufen will. Das öffentliche Interesse war riesig, Geigys Begeisterung weniger. Die vielen missgünstigen Online-Kommentare zum Verkauf der «Luxusimmobilie» haben ihn irritiert, ebenso die plötzlich auftauchenden Zaungäste mit Feldstecher. Dabei benötigt man kein Fernglas, um das stolze Anwesen von der Bäumlihofstrasse aus zu sehen. Die Hecken zum Sichtschutz hat Geigy Mitte der 90er-Jahre entfernen lassen, nachdem er den südlichen Teil des Bäumlihofguts von seinem Vater übernahm. «Man hat sich abgeschottet, das wollte ich nicht», erklärt Geigy. «Transparenz ist wichtig.»

Elizabeth und J. Rudolf-Geigy. (zvg)

Elizabeth und J. Rudolf-Geigy. (zvg)

Nach dem Wirbel der letzten Wochen möchte er nicht mehr über sein Landgut reden, sondern – wie vereinbart – über seine Person. Im Gespräch zeigt sich allerdings, dass Geigys Geschichte eng verwoben ist mit dem Bäumlihof. Wer also ist der Mann, dessen Urväter im 18. Jahrhundert mit J.R. Geigy den Grundstein der heutigen Novartis legten, dem zweitgrössten Pharmakonzern der Welt? «Ich bin Ehemann, gläubiger Christ, Arbeitgeber, Patron, Mäzen, Hausherr und Gastgeber», sagt Geigy, vor sich ein Notizblatt mit Themen, die ihm am Herzen liegen. Wir sitzen an einem Konferenztisch im Parterre des Gärtnerhauses, dem dritten Gebäude des Anwesens neben der Villa aus dem Jahr 1892 und dem modernen Hirzen Pavillon.

Fünf Jahre Verspätung

Geigy schildert, dass er nun im Hinblick auf die lange Partnerschaft intensiver auf die Bedürfnisse seiner Frau Elizabeth, einer Amerikanerin aus Puerto Rico, eingehen möchte. Er habe versprochen, im Pensionsalter wieder öfter zu ihren Verwandten in die USA zu reisen. «Jetzt habe ich sozusagen fünf Jahre Verspätung», sagt er mit einem Lächeln. Der 70-Jährige ist eben erst aus den Staaten zurückgekehrt, wo er vor seiner Rückkehr in die Schweiz 17 Jahre lang im Immobilienbereich tätig war – zuerst für eine Schweizer Grossbank, später auf eigene Faust. «Allerdings weniger erfolgreich», wie Geigy gesteht.

Dass er das Versprechen gegenüber seiner Frau nicht früher einlösen konnte, hängt auch mit seinem Landgut zusammen. Dieses verlange dem Besitzer viel Engagement ab, erklärt der Hausherr. Was er damit meint, wird klar, wenn man sich vor Augen führt, was Geigy als Patron mit sieben Angestellten hier alles bewegt hat: Nachdem er das Anwesen 1995 von seinem verstorbenen Vater Rudolf, Gründer des Schweizerischen Tropeninstituts, übernahm, löste er aus ethischen Gründen den Hirschpark auf. Die Villa wurde rundum saniert. Und wo früher Damhirsche weideten, steht seit 2003 der Hirzen Pavillon.

Der Hirzen Pavillon.

Der Hirzen Pavillon.

Der einstöckige Glasbau liegt perfekt eingebettet in der Parklandschaft. Er widerspiegelt die malerische Umgebung ebenso wie die zentralen Anliegen in Geigys Leben. Dazu gehören Glaube, Musik und, vor allem, Gastfreundschaft. Mit der rauschenden Eröffnung des Hirzen Pavillon – benannt nach den Hirschen, die hier einst weideten – machte der Hausherr sein Anwesen der Aussenwelt zugänglich. Von Seminaren über Hochzeiten bis hin zu Cocktail-Parties und Banketten fanden hier die vielfältigsten Anlässe statt. «Diese Öffnung war etwas ganz Spezielles», erklärt Geigy, «nicht jeder macht sein Haus allen zugänglich». Er selber nutzte den Neubau für klassische Konzerte des Hirzen Pavillon Ensembles, mit dem der Mäzen junge Talente der Basler Hochschule für Musik unterstützte. «So ein Projekt gibt einem sehr viel zurück», findet er.

Glaube wichtiger als Religionszugehörigkeit

Im lichtdurchfluteten Pavillon manifestiert sich auch die gläubige Seite von Geigy. Und von hier aus ragt eine Quarzitmauer weit in den Park hinein – ein Scharnier zwischen Pavillon und Park, geschmückt mit zwölf Bronzefragmenten und einem Relief. Dargestellt wird die Geschichte der biblischen Königin Esther, die gemäss Überlieferung aus dem dritten Jahrhundert vor Christus im persischen Königreich einen Massenmord am jüdischen Volk verhinderte. «Ich bin kein religiöser Mensch im herkömmlichen Sinn, aber ich halte religiöse Grundregeln wie Nächstenliebe, Vergebung und Versöhnung sehr hoch», sagt Geigy und deutet an, dass ihm Glaube wichtiger ist als Religionszugehörigkeit. Deshalb konnten im Pavillon auch frei Gebetstreffen und Bibelstudien stattfinden.

Hirzen-Anwesen_Baeumlihof_web_2Geigys Gastfreundschaft fusst nicht nur auf seinem Glauben. «Die Einladungen meiner Eltern haben mich sehr beeindruckt – ebenso ihre Gastfreundschaft», erinnert er sich an seine Kindheit auf dem Bäumlihof. Früher, als seine Grosseltern das Anwesen als Sommerresidenz nutzten, soll hier sogar einmal ein preussischer König nach dem Achsenbruch seiner Kutsche genächtigt haben. Die Ländereien zwischen Basel und Riehen werden seit 1686 in den Familien Burckhardt, Merian und Geigy weitervererbt.

Erbfrage von alleine erledigt

Dass J. Rudolf Geigy nun seinen Teil des Bäumlihofguts verkauft, fällt ihm nicht leicht. «Hier weg zu gehen – das ist schon tough», sagt er. Die englische Färbung seines feinen Basler Dialekts zeugt von den Jahren in Amerika. Die Trennung sei ein Prozess, mit dem er sich schon lange beschäftigt. Geigy hat keine Kinder, womit sich die direkte Erbfrage von alleine erledigt. Seine etwas ältere Cousine, die den nördlichen Teil des Bäumlihofs bewohnt, könne das Anwesen nicht übernehmen. Auch die Nichten und Neffen hätten anderes zu tun, als sich um ein Gut zu kümmern, dessen Bewirtschaftung sehr viel Engagement erfordert. Dass die Esther Stiftung, die Geigy mit seiner Frau betreibt, sich dem Anwesen annimmt, sei ebenfalls keine Option. Deren Stiftungszweck sei die Unterstützung christlich orientierter Nischenprojekte wie etwa dem «Jerusalem College of Bible» in Israel.

Bis wann Geigy das Hirzen-Anwesen verkauft haben will und wohin es ihn dann treibt, kann und will er nicht sagen. Die Zeit scheint nicht zu drängen, wenn man dem Hausherrn so zuhört: «Ich möchte sicher sein, dass die Nachfolgelösung meiner Philosophie entspricht und auch die Familientradition so wenig wie möglich verletzt – deshalb bin ich auch so wählerisch.» Beim abschliessenden Spaziergang über das weitläufige Anwesen zeigen sich die ersten Frühlingsblumen von ihrer schönsten Seite. In den Baumwipfeln rauscht der Wind, in der Ferne der Verkehr. Man könnte meinen, die Zeit steht still – auf dass dieses stolze Stück Land mit seinen architektonischen Preziosen künftig unter neuer Leitung erblühen kann.

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(c) Dieser Artikel wurde zum ersten Mal in der Basler Zeitung vom 20. April 2013 veröffentlicht.

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