Archiv für Januar, 2013

Ein Gay-Callboy kämpft an mehreren Fronten

Dieser Artikel erschien erstmals am 20. Januar in der Basler Zeitung.
Der Basler Sex-Arbeiter Mateusz Skibinski erzählt, was er zur HIV-Prävention und gegen tobende Ehefrauen unternimmt. Dabei kann er sich auch Andeutungen zu prominenten Interessenten nicht verkneifen.
Kämpft um Anerkennung und Akzeptanz: Callboy Mateusz Skibinski hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht.

Kämpft um Anerkennung und Akzeptanz: Callboy Mateusz Skibinski hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht.

Es grenzt an ein Wunder, dass uns die Nachricht von Mateusz Skibinski überhaupt erreicht hat. Normalerweise werden Mails, deren Absender­namen sich aus den Wörtern Amor, Gay und Callboy zusammensetzen, vom Spam-Filter eliminiert. Nicht so dieses Mal. Und so erfahren wir, dass sich der 28-jährige Wahlbasler für eine bessere Akzeptanz schwuler Sexarbeiter und gegen die Ausbreitung des HI-Virus einsetzt.

Wir treffen Skibinski, den seine ­Kunden als Callboy Mateusz kennen, in der Bar des Hotels Trois Rois. Hier fühlt er sich wohl, mag das edle Ambiente und die Diskretion. Trotz seinem distinguierten Auftreten wirkt der gebürtige Pole im Nobelhotel wie ein Paradies­vogel: extrovertierte Frisur, knallgelbe Rüeblihosen, das Shirt mit Strass-­Steinen verziert, dazu Lackschuhe. Die Brille ist von Prada, die Tasche von Louis Vuitton. Neben schönen Hotels und Kleidern mag er Theater, Opern und Museen. Orte, an denen auch Skibinskis Kunden verkehren. Diese seien nicht selten prominent, meist sogar verheiratet. Hier gäbe es einige Anekdoten zu erzählen. Aber erstens gehört Diskretion zum Callboy-Job und zweitens ist Skibinski hier, weil er Wichtigeres zu sagen hat.

Gegen das ewige Versteckspiel

«Als schwuler Ausländer aus der Sexbranche ist man dreifacher Aussenseiter», findet er. Sein Ziel ist, dass Homosexualität und Sexarbeit als normal angesehen werden. Als Callboy fühlt sich der Pole auch von der Gay Community nicht immer akzeptiert – was ihm zu schaffen macht. Zu Skibinskis Vision gehört, dass sich Schwule getrauen, zu ihrer Sexualität zu stehen. Insbesondere Ehemänner und Familienväter, die einen wesentlichen Teil seiner Kundschaft ausmachen. «Ich will, dass dieses Versteckspiel ein Ende hat», erklärt der Sex-Worker.

Dass Callboy Mateusz Sex mit ­verheirateten Männern hat, bereitet ihm kein schlechtes Gewissen. «Die sind nicht untreu», findet er, «denn ihre Frauen können sie nicht so befriedigen wie ich.» Es sei schon vorgekommen, dass ihn eine Ehefrau mit ihrem Mann in der Küche erwischt hat. «Wir waren nicht am Kochen», erinnert er sich schmunzelnd, «aber sie». Man habe die Situation danach ausdiskutiert. (mehr …)

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Die langweilige Baller-App der NRA

Dieser Artikel erschien erstmals am 20. Januar in der Print-Ausgabe der Basler Zeitung.

Die US-Waffenorganisation National Rifle Association steht wegen ihrer neuen Gratis-Schiess-App «NRA: Practice Range» unter Beschuss. Wir haben das umstrittene Handy-Programm ausprobiert.

Je länger je mehr: Im Outdoor-Modus schiesst der App-User mit einer M16 auf bewegliche Zielscheiben.

Je länger je mehr: Im Outdoor-Modus schiesst der App-User mit einer M16 auf bewegliche Zielscheiben.

Einmal mehr beweist die National Rifle Association (NRA), dass sie das Fingerspitzengefühl einer Panzerfaust hat. Einen Monat nach dem Schulmassaker in der US-Kleinstadt Newtown lanciert die amerikanische Waffenorganisation eine Schiess-App für iPhone und iPad.

Während Kritiker von einer geschmacklosen Baller-App sprechen, will die NRA ihren neusten Schuss als Beitrag zum verantwortungsvollen und sicheren Umgang mit Waffen verstanden wissen. Wir haben uns an den virtuellen Schiessstand begeben und «Practice Range» ins Visier genommen.

Schiessen ohne Anleitung

Das Spiel, äh Training, ist so simpel wie die Weltanschauung von texanischen Cowboys: An drei Schiessständen können mit insgesamt drei Waffen je drei unterschiedlich knifflige Programme absolviert werden. Wir starten mit dem Outdoor-Schiessen, bei dem runde Zielscheiben durch die Gegend fliegen.

Zuvor suchten wir vergebens nach einer Anleitung zum sicheren Umgang mit der virtuellen Waffe, immerhin einem M16-Sturmgewehr. Der erste Durchgang ist ein ­totaler Misserfolg: zwei von 15 Zielen getroffen. Das gibt keinen Eintrag ins «Leaderboard», dafür aber 1300 Punkte Abzug für die 13 Schüsse ins Leere.

Cowboy-Feeling beim Ballern

Der zweite Versuch am Indoor-­Pistolenstand gelingt besser: Immerhin 65 Prozent Trefferquote, 13 der 15 Ziele eliminiert, sieben Schüsse ins Nirwana. Das ergibt immerhin 18 300 Punkte. Wenn die torsoförmigen Scheiben Taliban gewesen wären, hätten wir ihnen jetzt Saures gegeben!

Den Schiesserfolg haben wir vor allem der Erkenntnis zu verdanken, dass man die Ziele ins Fadenkreuz bekommt, indem man mit dem Handy entsprechend in der Luft rumfuchtelt – wie mit einer echten Pistole. Da kommt Cowboy-Feeling auf und man vergisst für einen kurzen Moment die etwas dürftige Grafik. Geschossen wird ganz einfach durch das Antippen einer beliebigen Stelle des Displays. Alternativ kann auch per Fingerzeig gezielt werden. Eine unendlich schwerfällige Variante, die nicht die Reaktionsfähigkeit des Schützen trainiert, sondern dessen Nerven strapaziert.

Schiessübung für Kinder

Auf zum letzten Schlachtfeld: Beim Tontaubenschiessen werden die Ziele mit einer Pump-Action, Modell Mossberg 500, zu Staub geballert. Während das Level geladen wird, präsentiert die NRA Fakten und Sicherheitstipps – sofern das Programm nicht abstürzt. So erfahren wir unter anderem, dass man das Schiessen unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln besser sein lässt; dass immer in eine sichere Richtung gezielt werden soll und dass die NRA mit ihrem «Gunsafe Programm» seit 1998 über 25 Millionen US-Kinder erreicht hat.

Ob die Kleinen dabei auch lernen, wie man sich vor einem ballernden Amokläufer schützt? So wie die NRA tickt, wäre das vermutlich mit Waffengewalt – und unter Mithilfe der «Practice Range»-App. Sie ist nämlich für Kinder ab vier Jahren zugelassen. Bleibt zu hoffen, dass diese durch die Eltern von dem langweiligen Propaganda-App genauso ferngehalten werden wie vom Waffenschrank.