Archiv für Juli, 2011

Backflash: So war das Openair Frauenfeld 2011

Wie Ihr vielleicht mitbekommen habt, war ich am Wochenende am Openair Frauenfeld und habe für DRS Virus live vom Openair gebloggt in Bild (195 Fotos) und Text (28’393 Zeichen). Diesen Erguss möchte ich Euch natürlich nicht vorenthalten. Viel Spass mit dem Frauenfeld Flashback 2011.

Kurzfazit vorweg: Für die Highlights sorgten OWFGKTA mit Tyler The Creator am Freitag sowie Yelawolf, Tommy Vercetti und Lupe Fiasco am Samstag. Am Sonntag gefielen u.a. Marteria und Public Enemy. Natürlich überzeugten auch die ganz grossen Namen wie Snoop, Wu-Tang, Roots, Cypress Hill, Savas und Samy mit souveränen, zum Teil sensationellen (Samy/Savas), Konzerten…sie haben aber alle etwas gemein: Man hat sie in Frauenfeld schon (mindestens) einmal gesehen (das ist das Luxusproblem von/in Frauenfeld). Aufregend war deshalb v.a. das Neue. Und jetzt zum Ticker (wer es chronlogisch mag, liest von hinten nach vorne).

So war der Sonntag

19:35 Uhr: Mit etwas Verspätung betritt der allerletzte Act Pitbull die Bühne – im Anzug. Der Herr aus Miami hat Stil – im Gegensatz zu anderen, die vorher auf dieser Bühne standen. Im Publikum wird die Flagge seines Heimatlandes Kuba geschwenkt. Von Rap über Reggaeton bis hin zu stampfendem DumDum wird alles geboten und gefeiert. Für die breite Masse offensichtlich der perfekte Abschluss des Openairs. Ich kann mit Pitbull nicht soviel anfangen – ausser ich bin in der Karibik in den Ferien und habe zwanzig Mojito intus. Um 20:10 Uhr grosses Gekreische: Der Latinrapper nimmt die Ladies mit in den «Hotelroom». Ich bleibe lieber draussen.

18:27 Uhr: Der Endspurt ist lanciert: Public Enemy bringen das Publikum mit «Don’t Believe The Hype» zum ausrasten. Die Legenden überzeugen tatsächlich – ich habe mich aus Angst vor Enttäuschungen auf nixx Grosses gefasst gemacht. Und wurde eines Besseren belehrt. I like. Begonnen wurde das Konzert von Chuck D alleine mit «Public Enemy N°1». Bei «911 Is A Joke» stürmt dann auch P.E.-Maskottchen Flavor Flav auf die Bühne. Puh, ich hatte schon befürchtet, der Hypeman kommt nicht. Coool, schon wieder keine Enttäuschung.

Die Herren Chuck D und Flavor Flav präsentieren sich gut gelaunt, laut – und beachtlich fit für ihr Alter. Immerhin haben beide schon die 50-Jahr-Marke überschritten. Sogar ihre grimmig dreinblickenden Soldiers lächeln gelegentlich beim Exerzieren. P.E. Drücken gut ab und der Funke springt locker auf die Crowd über. Flavor Flav zappelt herum, zeigt seine Uhr und macht Fratzen wie ein Clown – perfekt für die Fotografen (die Uhr an seinem Hals geht übrigens 45min nach). Der Höhepunkt des Konzertes erfolgt um 19 Uhr als es heisst «Fight The Power». We do.

18:00 Uhr: Carlos Leal, Déborah, DJ Just One und DynaMike werden nie mehr zusammen ein Bandprobe machen müssen. Soeben hat nämlich ihr allerletztes Konzert als Sens Unik begonnen. Die «last hour of Sens Unik», wie Leal das Konzert konsequenterweise nennt. Die Sonne scheint zum Abschied. Die Beats kommen ab Band, dazu kommt der Live-Schlagzeuger DynaMike und DJ Just One. Endlich spielt eine Schweizer Band zu einer anständigen Zeit. Etwas schade ist der Pyjama-Schlabber-Look von Carlos und Déborah. Also ich hätte mich festlicher gekleidet bei meinem letzten Gig. Es folgt eine Zeitreise durch 21 Jahre Bandgeschichte. Kurz vor 18 Uhr ist das letzte Sens-Unik-Kapitel nach dem Song «Cest La Vie» und der Zugabe «Bye, Bye» zu Ende und das Buch wird geschlossen. Fertig aus. Das Publikum hat die Lausanner ein letztes Mal ausgiebig gefeiert. Wir wünschen alles Gute für die Zukunft nach Sens Unik.

16:00 Uhr: Samy Deluxe rockt die Nebenbühne. Er ist zum ersten Mal in Frauenfeld (das war ein Joke…er ist eigentlich jedes Jahr hier – zu Recht;). Mit im Gepäck hat der Hühne aus Hamburg brandneue Tracks von seinem kommenden Album «Schwarz Weiss», welche die Vorfreude auf seinen neusten Silberling steigen lassen (wirklich!). Es scheint, als ob Samy auf der neuen CD wieder etwas mehr von seiner überheblich spittenden Wickeda-Mcee-Seite zeigt (find ich super). «Früher war ich zu gut, heute bin ich zu besser», rappt er etwa in der Zusatzstrophe seiner Vorab-Single «Hände hoch». Da sind wir aber gespannt. Das Publikum jedenfalls feiert den Hamburger frenetisch – wie jedes Jahr. Samy und Frauenfeld das ist so etwas wie eine Liebesbeziehung. Mal gucken, wie sie 2012 weitergeht.

15:15 Uhr: Ein Sturm zieht auf (und zieht später ohne grösseren Niederschlag wieder weiter). Auf der Hauptbühne steht Ziggy Marley und spielt mit seiner Band den «sound of love», wie er sagt. Ziggy gleicht seinem Vater Bob definitiv mehr als Bruder Damian, der letztes Jahr mit Nas in Frauenfeld war. Und natürlich hat der kleine Marley auch Tracks von Papi im Gepäck: «Stand up, get up» und «I Wanna Love You» zum Beispiel. Ein ideales Konzert für den Sonntagnachmittag. Harter Ragga wär mir aber lieber.

Sonntag 13.40 Uhr: Endlich sehe ich ihn einmal live: Marteria betritt zu seinem Album-Opener «Endboss» die Nebenbühne. Der Rostocker Rapper grinst über beide Ohren, das Publikum rappt euphorisch mit. Das scheint ein gutes Konzert zu werden – was sich in den kommenden Minuten bestätigt. Es geht weiter mit «Du willst streiten». Die Backup-Musiker von «Band of Robots» stecken in schwarzen American-Fooball-Monturen, einzige Farbtupfer: Neonorange Marteria-Logos. Erinnert optisch an eine Light-Version von Deichkind, die wenige Stunden zuvor auf dieser Bühne das letzte Samstags-Konzert gerockt haben. Die Federn ihrer Zirkusshow kleben noch im Schlamm vor der Bühne. Bei den Moderationen zwischen den Liedern brilliert Marteria: «Unter Frauenfeld verstehen wir in Deutschland eigentlich etwas anderes», erklärt der Rapper und meint damit ein Haus mit käuflichen Bordsteinschwalben, dann folgt «Amys Winehouse».

Um 14:03 Uhr betritt Marterias bekifftes Alter Ego Marsimoto im grünen Superheldenüberwurf die Bühne und spielt «Der Nazi und das Gras» und «Der Döner in mir»…natürlich alles mit verfremdeter Marsimoto-Stimme. Grandios. Zehn Minuten später folgt das nächste Highlight: Die «Todesliste» mit der verbotenen vierten Strophe in der u.a. Morlokk Dilemma, die Orsons, Farid Bang und Casper ihr Fett weg kriegen. Der Beat ein Elektrobrett, der Boden in Frauenfeld vibriert. Einfach nur geil – ebenso als er kurz danach die zweite Strophe von «Alles verboten» über das RATM-Brett «Killing In The Name Of» rockt. Anschliessend wird das Publikum «Verstrahlt» – obwohl es inzwischen bewölkt ist. Den Schlusspunkt setzten die «letzten 20 Sekunden», welche de Fakto etwa zehn Mal 20 Sekunden dauern. Das verzückte Publikum springt mit Marteria. Jetzt sind die Leute definitiv wieder fit für die kommenden Konzerte. Die Frage ist nur: Kann dieses Konzert heute noch getoppt werden?

13:07 Uhr: Curren$y auf der Hauptbühne bei heissem Sonnenwetter. Der Boden ist modrig von der Regennacht – und die Crowd noch etwas müde. Der Funke zwischen Publikum und dem von Wiz Khalifa gehypten Rapper aus New Orleans will nicht überspringen. Dafür ist Curren$y hierzulande wohl auch noch zu unbekannt. Und seine Show zu dürftig: Ein Rapper, ein DJ…leider beide nicht vom Kaliber eines Yelawolf, der zusammen mit seinem DJ einer der Höhepunkte am Samstag war. Curren$ys DJ hingegen wirkt lethargisch, hat einen Bart wie ein Taliban und könnte vom Alter her sein Vater sein. Zum Schluss gibt es eine nette Accapella-Einlage des lächelnden Rappers im rosaroten Poloshit. Dann ist Curren$y weg. Kommentarlos. Komischer Abgang. Hinter der Bühne: Samy Deluxe ist wie meistens wieder sehr früh auf Platz und streunt über das Backstagegelände.

11:55 Uhr: Auf Bühne 2 gibt es Strassenrap aus Frankfurt Nordweststadt: Azad spittet seit einer halben Stunde wie ein Pitbull. Rohkost für das Zmorge am Sonntag. Ich mags, mochte Azad schon immer. Der kurdische Rapper spielt seinen 2004er-Hit «Mein Block» und kurz darauf «Monstershit», den er leider nicht mit der Unterstützung von One-Partner Kool Savas bringt. Dafür hat er ein rundes Dutzend seiner Frankfurter Jungs im Rücken. Zum Ende seiner Show gibts das «Prison Break Anthem», mit dem Azad 2007 an der Spitze der deutschen Singlecharts stand. Die tätowierte «1» in seinem Nacken erinnert an diesen Triumph. Sehr zur Freude des Publikums gibts als Zugabe den Azad-Part der Kool-Savas-Hymne «Immer wenn ich rhyme»…unterstützt von Moe Mitchell, der schon am Freitag bei Savas auf den Bühne war. «Ich hoffe ich kann nächstes Jahr wieder hier spielen – dann hoffentlich wenn es dunkel ist», meint Azad kurz vor Konzertende. Das können wir so unterschreiben. Dann steigt der Frankfurter Pionier mit einem breiten Grinsen von der Bühne. «Das war jetzt aber nicht cool, oder?», fragt der langhaarige DRS-Techniker. «Doch!», sage ich.

So war der Samstag

Samstag 01:00 Uhr: Jetzt wird die Nebenbühne zuerst zum Spielplatz und dann definitiv abgerissen. Deichkind sind am Start mit ihrem futuristischen Techno-Theater. Neongrelle Vögel, laut, quietschfidel und seeehr unterhaltsam. Die Hamburger, zu denen seit einem Weilchen ja auch Ferris MC gehört, beginnen die Show mit dem Titeltrack ihres aktuellen Albums «Arbeit nervt»…wenn man Deichkind beim jobben zuguckt, glaubt man das aber nicht wirklich;) Herrlich die Jungs.

23:15 Uhr: Cypress Hill beginnen überpünktlich. B Real und Sen Dog betreten die Bühnenbretter mit bestickten Leder-Gilets, welche die Hells Angels vor Neid erröten lassen würden. Nicht einmal den armen Talib Kweli lassen sie zu Ende spielen. Und sie reihen in schwindelerregender Geschwindigkeit Hit an Hit. Nach einer Viertelstunde haben die Westküsten-Koriphäen bereits «When The Ship Goes Down», «How I Could Just Kill a Man» und «Hand On The Pump» verballert – und der Köcher ist noch voller Banger. Das kann ja heiter werden. Und plötzlich ist sie wieder da – die Energie im Publikum.

Dann ein kurzer Dämpfer: Auf Songs wie «Latin Lingo» oder «Arma De Latina» vom neusten Album könnten sie getrost verzichten – dafür kann man auch zu Orishas gehen. Pfui. Die Entschädigung für diese Tortur folgt auf Fuss: «Insane In The Brain». Frauenfeld im siebten Himmel. B Real möchte aber noch höher schweben, zündet sich eine Tüte an zu «I Want To Get High». Kurz darauf folgen die «Hits From The Bong», welche dem 46-jährigen Sen Dog aber nicht so gut bekommen. Also ruft B Real (41) «Dr. Greenthumb». Super, was sie da bieten, die Kiffer, welche am 6. August ein Konzert zum 20-Jahre-Bandjubiläum spielen. Mit «Peace we love you» verlässt Cypress um 00:40 Uhr die Bühne. Gut wars.

23:06 Uhr: Talib Kweli spielt «Get em High» auf der Nebenbühne. Das Publikum macht artig mit, aber irgendwie ist es nicht so «high» wie bei den Konzerten zuvor (oder wie Cypress Hill kurz danach). Der Funke springt nicht wirklich über. Ist es der Regen? Oder macht sich nach den Killershows von Lupe Fiasco und Wu-Tang langsam Erschöpfung breit? Andererseits muss auch gesagt sein, dass sich Talibs dicht gewobene Textteppiche eher zum Zuhören eigenen als zum Abgehen. Anyway. Kein schlechtes Konzert, aber im Vergleich zum Vorangegangenen fällt es ab. Hey…inzwischen regnet es nicht mehr.

Randnotiz von 22:23 Uhr: Bushido meldet sich via Twitter zu Wort: «frauenfeld ist das nonplusultra in sachen hip hop open air… eine unglaubliche stimmung!!! ein fuck you an die veranstalter des splash!!!»

21 Uhr: Es geht Schlag auf Schlag: Der Wu-Tang-Clan entert mit «Bring Da Ruckus» die Bühne und die Fans werden reihenweise über die Abschrankung gezerrt (so ist das halt bei den Boygroups;). Krass. Bis vor dem Wu-Konzert hat es geregnet. Jetzt aber pisst es. Und zwar in Strömen! Die Leute vor der Bühne lassen sich nicht beirren und drehen erst recht durch bei Tracks wie «C.R.E.A.M.», «Gravel Pit» oder Method Mans «Da Rockwilder». Raekwon ist im Gegensatz zum Gig 2008 leider nicht mit dabei. Dennoch: 90er-Rap vom Allerfeinsten, verpisst, aber verdammt geil.

20 Uhr: Vor wenigen Minuten hat hat Lupe Fiasco die Bühne 2 betreten. Der Dude hat die Crowd vom ersten Moment an voll im Griff. Kein Wunder: Der New Yorker versprüht eine Spielfreude, wie wir sie in Frauenfeld bisher kaum gesehen haben. Dazu sein ansteckender Charme, die theatralischen Rockposen und eine bestechend tighte Band im Rücken. Dass Lupe gut ist, wusste ich ja. Dass er aber live so abgeht und vom gesamten Schweizer Publikum so frenetisch gefeiert wird, hätte ich nicht erwartet. Schön. Bisher die grösste und angenehmste Überraschung des Openairs. Auch die Rockelemente stehen Lupe sehr gut. Ist euch schon aufgefallen, dass der Herr aussieht wie Ex-FCB-Wirbelwind Samuel Inkoom? Und sein Gitarrist wie Bayern-Star Sebastian Scheinsteiger! Geil wie Lupes Band das vom Publikum gegrölte «Seven Nation Army» der Nine Inch Nails aufnimmt und elegant in den nächsten Track überleitet. Zum krönenden Schluss zerreisst Lupe sein White-T (deshalb wohl der V-Ausschnitt;) und spielt «Daydreamin’». Mit den Worten «salam aleikum, shalom» und «dankeschön» verabschiedet sich der New Yorker. Auf wiedersehen, hoffentlich!

Samstag 19:45 Uhr: «Can you dig it!?», schreit Roots-Rapper Black Thought kurz vor Konzertende in sein Kabelmikrophon (ein Sure SM 58, wie immer). Das Publikum brüllt aus tausenden Kehlen zurück. The Roots rocken, dass weiss die Crowd. Und das wissen die Booker in Frauenfeld. Die Band aus Philadelphia gehört zum besten was Rap – nein, was Musik allgemein – zu bieten hat. Schade haben sie den Tuba-Spieler nicht dabei.

17:35 Uhr: Keine 5 Minuten müssen sich die M.O.P.-Fans vor der Bühne 2 gedulden, dann bekommen sie den Knaller «Cold As Ice» um die Ohren geknallt. Das Rap-Duo Billy Danze und Lil Fame hat die Crowd sofort im Sack. Trotz grimmiger Miene wirken die beiden sympathisch – so sind sie halt. Fame ist ein Phänomen: Er hat dermassen grosse Grillz in der Fresse, dass er die Rapklappe kaum schliessen kann. Weiss jemand wie der tönt, wenn er mit leerem Mund spricht? Es folgt ein bodenständiges Konzert mit vielen Hits und Animationen – einziges Problem: So hat man die Mash Out-Posse in der Schweiz schon diverse Male gehört. Und neue Hits sind keine in Sicht. Wer aber – wie ich – darüber hinwegsehen kann, wird glücklich mit der alten Rohkost. Etwa mit «Ante Up». Der Banger bringt die Crowd um 18:22 zum Durchdrehen. Nach ein paar kürzeren Regenschauern blinzelt nun wieder die Sonne zwischen den Wolken hervor.

16:40 Einer der grössten französischen Raphits der letzten Jahre wird auf der Hauptbühne angestimmt: «Ca Fait Mal» von La Fouine. In Frauenfeld dargeboten in der Remix-Version von Soprano. Der Rapper aus Marseille gehört mit seiner legendären Crew Psy 4 De La Rime zu den Pionieren in Sachen Frenchrap (man sieht ihm sein «Alter» gar nicht an…der 32-Jährige könnte auch halb so alt sein). Auf den La-Fouine-Hit folgt «Dopé», die jüngste Single des aktuellen Soprano-Albums «Le Corbeau». Der Beat dazu wurde übrigens in der Schweiz produziert – vom Lausanner Produzenten J Fase (MXX). Das Soprano-Set endet mit «A La Bien» und «Hala Hala Pt. 2». Schade hat das Frauenfeld-OK dieses Jahr nicht mehr französischen Rap gebucht (Sniper z.B. oder Sefyu), dem Publikum hats nämlich gefallen.

15:15 Uhr: Big Boi auf Bühne 2. Er beginnt mit dem Outkast-Klassiker «Throw Your Hands In The Air». Kurz darauf folgen «Rosa Parks» und «So Fresh, So Clean». Ganz klar: Die Big-Boi-Show lebt zu grossen Teilen von den Outkast-Hits. Das ist okay, würde ich auch so machen. «We got so many hits in the catalogue», stellt Big Boi denn auch treffend fest. Dann gibts konsequenterweise «Miss Jackson». Hat der Herr eigentlich auch Solo-Tracks mit im Gepäck? Vermutlich sind sie ihm am Flughafen abhanden gekommen. Doch dann – oha – fragt Big Boi, wer sein neues Album kennt und er lässt die Crowd «new shit» skandieren. Den neuen Scheiss bekommt das gut gelaunte Publikum dann in souveräner Manier gereicht. Grösster Fauxpass des Outkast-Rappers: «Whats goin on Zürich?». Aber das passiert den Amis am Openair Frauenfeld regelmässig (z.B. auch Public Enemy am Sonntag). Das Wetter ist noch immer heiss und sonnig. Am Horizont zeichnet sich eine dunkle Wolkenfront ab – gegen eine KURZE Abkühlung hätte hier wohl niemand etwas einzuwenden.

14:50: Das neue Eminem-Signing Yelawolf entledigt sich seiner Kappe und präsentiert seinen Irokesenschnitt, dessen lange Strähnen ihm in Folge wie ein Vorhang ins bleiche Gesicht hängen. Der Rapper aus Alabama mit Metallica-Shirt ist nicht nur optisch, sondern auch raptechnisch eine Ausnahmeerscheinung. Seine Silbenmassakker sind von atemberaubender Geschwindigkeit – und sowas von geil. Der Wolf bellt tatsächlich. Yela ist on point, genauso sein scratchfreudiger DJ. Ein geniales Duo, das beweist, dass ein tighter Rapper und ein guter DJ in diesem Format ausreichen, um eine Frauenfeld-Crowd zu rocken. Diese honoriert das Dargebotene mit zünftigem Applaus.

Man war gespannt auf den gehypten Yelawolf. Und der Schlaks hat die Erwartungen mehr als erfüllt, finde ich. Bis jetzt der Samstags-Höhepunkt. Vor allem auch wegen dem hervorragenden DJ – einen solchen gibt es heutzutage bei US-Rappern leider nicht mehr all zu oft zu sehen. Um 15 Uhr fällt nach der Kappe auch das Shirt von Yelawolf und er präsentiert seinen voll tätowierten Torso. Einzig auf dem Rücken hats noch Platz…vorskizziert ist schon mal. Hinter Bühne 2 beginnen derweil die Tour-Dudes der Hamburger Spasskombo Deichkind damit, die Schlauchboote und das Trampolin für die Show vorzubereiten. Zuvor spielten übrigens die Cunnunlynguists aus Kentucky, welche wie gewohnt viel Liebe ernten in der Schweiz. Zu recht.

12:30: Die Zürcher Latin-Rapcrew Los Diablos del Cielo versprühen auf der Hauptbühne Orishas-Feeling. Solide Kost, eher für die Chicas als für die Roughnecks. Idealer Sound für den Samstagnachmittag. Sehr musikalisch, was das sympathische Trio bietet. Würd mich nicht wundern, wenn die einmal kommerziellen Erfolg hätten.

11:55 Uhr: «Ich ha grad kei Zyt für all dä Scheiss», schallt es von der Bühne 2, «und y bi glücklich eifach so». Es ist der letzte Track des Berners Tommy Vercetti, der den Konzertsamstag eröffnet an Stelle von LDDC. Diese hätten um 10.25 Uhr beginnen müssen, die Show der Zürcher wurde jedoch nach hinten versetzt wegen des verschobenen Snowgoons-Konzerts. Tommy macht seine Sache sehr gut: Unterstützt von seinen Backup-Rappern und Eldorado FM-Kumpels Dezmond Dez und Manillio sowie von einer grandiosen Liveband setzt er sein Album «Seiltänzer» (Pflichtkauf!) live um. So macht Schweizer Rap Spass. Und so wird er weitergebracht. Bei «Tupac Paris» erhält der Berner Unterstützung seines St. Galler Kumpels CBN. Nice. Das Publikum honoriert das zu früher Stunde Dargebotene ordentlich. Die Jungs habens verdient. Übrigens: Es ist heiss und die Sonne scheint. Von Regen kann – im Gegensatz zum Freitagabend – keine Rede sein.

So war der Freitag

Freitag 01:05 Uhr: Kool Savas stimmt «LMS – Lutsch mein Schwanz» an. Die Jungs im Publikum grinsen und grölen – sie erinnern sich wohl an 1999. Damals hat der Track den jungen KKS auf die deutsche Raplandkarte gebracht. Und da isser seither geblieben. Ganz oben sogar. Das beweist das Reimmonster auch in Frauenfeld, wo er – zusammen mit Samy Deluxe – quasi zum Inventar gehört. Unglaublich, was und vor allem wie S.A.V. live spittet: Maschinengewehrsalven und Flows, wie sie kein Zweiter im grossen Kanton hinbekommt (ausser vielleich Massiv…haha;). Neben den Stichflammen bei «Schwarz» gehören auch die Gastauftritte von Mitstreiter Olli Banjo zu den Highlights der Show.

Bei «Rhythmus meines Lebens» gibt es einen kurzen (eingeübten) Moment der Konsternation: Savas hält inne, weil das Publikum zu wenig mitzieht. «Das kann doch nicht sein? Wir sind Freunde!», findet er. Danach klappts dafür umso besser. Bei «Immer wenn ich rhyme» ist Hühnerhaut angesagt – der Song ist eine Hymne. Live erst recht. «Ich war ein bisschen nervös, weil ich hier als letzter Act spielen darf nach Snoop», gesteht KKS dann gegen Ende seines Sets. «Aber jetzt wollen wir die Scheissbude einreissen, wie es kein Ami gemacht hat heute.» Es folgt der Kollabo-Track «Techno Pilot» mit Olli Banjo. Das Publikum dreht auf Knopfdruck durch. Ein würdiger Abschluss eines gelungenen Konzertabends.

Gegen 23.30 Uhr: Das Konzert von Snoop Dogg beginnt mit einem Kurzfilm auf der Videoleinwand – wie gewohnt. Dann betritt allerdings nicht der schlaksige Rapper auf die Bühne, sondern ein tanzendes Hunde-Maskottchen – und Lady Of Rage. Sie war 1993 auf dem bahnbrechenden ersten Snoop-Album «Doggystyle» zu hören. Und genau diese Platte (sie ist soeben volljährig geworden – 18!) soll ja in Frauenfeld zelebriert werden. Als der Doggfather dann im weissen Outfit mit seinem aufgepimpten Mikrophon die Bühne betritt, gibts erstmal «Gin And Juice», gefolgt von «The Shiznit». Ein Einstand nach Mass. We like. Wer meint, wegen dem «Doggystyle»-Konzepts auf die etwas jüngeren Hits des 40-Jährigen verzichten zu müssen, hat sich getäuscht: der Dre-Klassiker «Next Episode» darf natürlich genauso wenig fehlen wie «P.I.M.P.» oder «Drop It Like Its Hot». Sogar ein Cover des House-Of-Pain-Gassenhauers «Jump Around» wird gespielt – ein Shure Shot.

Und dann, um 00:30 (endlich!) kommt mit «Who Am I? (Whats My Name)?» der Song, der Snoop berühmt gemacht hat. Ein weiterer Track der zeigt, warum «Doggystyle» damals (wie heute) so einschlug. Die Beat-Teppiche von Dr. Dre und Daz Dilliger, gepaart mit Snoops unglaublich leichtfüssigem Laid-Back-Flow und dessen erhabener Art sind einfach einzigartig. Grosses Kino. Um 0:43 dann ein ganz kurzer Hänger: Snoop Dogg spielt ein unsagbares Technolied. Dem Herr verzeiht man fast alles, aber das ist grenzwertig. Dann setzt er zu Na-na-na-na-Fangesängen an, wie wir sie von Fussballspielen gewohnt sind. Anschliessend ist Snoop fertig. Wir auch, fast. Nachtrag: Am Samstagmorgen kursieren Gerüchte, dass Snoop auch eine Liveband dabei hatte – sie soll hinter dem Bühnenvorhang gespielt haben. Obs stimmt?

Freitag 23 Uhr: Bushido auf Kuschelkurs mit dem Publikum. Mit «Für immer jung» verabschiedet er sich von den Fans in Frauenfeld. Unter tosendem Applaus. Das Konzert war eigentlich eine einzige Liebeserklärung des geschwätzigen Berliners – unterbrochen von ein paar seiner Hits. «Ich wandere glaub ich in die Schweiz aus», meint er, offenbar überwältigt von der Liebe, die ihm hier entgegengebracht wird. Da kann sich Bushido einen Seitenhieb ans Splash!-Festival nicht verkneifen: «Ihr habt gerade das Splash! in den Arsch gefickt», meint er nachdem er einmal mehr frenetischen Applaus geerntet hat. Das Splash! war Europas grösstes Rapfestival – bis dann Frauenfeld kam. Und, wie er sagt, ist Bushido zudem kein Freund des Festivals. Was es da wohl für ein Zerwürfnis gegeben hat?

Dass der Bushido-Backup-Rapper, Kay One, live so schlecht rappt, hätte ich nicht gedacht. Der Typ hatte sich doch technisch einen guten Ruf erarbeitet. Eigentlich. Ist halt nicht leicht, sich auf das Niveau seines Mentoren herunterzubremsen. Anyway, alles in allem ein solides Konzert mit sehr guter Stimmung und einem Rapper, der ein gutes Händchen für bombastische Beats hat. Ob Bushidos Charmeoffensive in der Schweiz auf einen Wandel zur softeren Seite des Ex-Aggro-Rappers hin deutet? Schliesslich hat er ja unlängst Friede geschlossen mit Konkurrent Sido und erklärt, dass er künftig weniger Stress haben will. Der Herr wird langsam bürgerlich…da könnte er ja wirklich in die Schweiz ziehen.

20:50: Soeben hat Ice Cube himself die Hauptbühne betreten. Bereits beim dritten Song stimmt der gesetzte Herr den N.W.A.-Klassiker «Straight Outta Compton» an: «Straight outta Compton, crazy motherfucker named Ice Cube…», Ihr wisst schon. Grandios. Es folgen diverse weitere Klassiker, aber auch (neueres) Füllmaterial.

19:35: Vor der Bühne 2 singen die Girls mit Taio Cruz den N°1-Hit «I’m Only Gonna Beak, Break Your Heart…» (das Saulied wird mich danach zwei Tage lang verfolgen). Passend dazu hat es aufgehört zu schütten und ein kitschiger Regenbogen lacht über den synthie-geschwängerten R&B-Pop, der über der Pferderennbahn schwubbelt. Nachdem die Typen Odd Future gefeiert haben, kommen nun also die Ladies auf ihre Kosten. Das Beste an Cruz ist sein englischer Akzent bei den raren Zwischenmoderationen. Eines muss man dem Herrn aber lassen: Er rockt die Crowd mutterseelenallein auf der riesigen Bühne. Das kann nicht jeder. Der Sound erinnert phasenweise an Eurodance, manchmal sogar an Dr. Alban. Ups, jetzt hats mich erwischt…ich habe aus versehen mitgepfiffen. «Dynamite» muss der vorgetragene Hit wohl heissen. Zum Glück ist das Konzert um 20.10 zu Ende und Taio Cruz verabschiedet er sich mit den Worten «thank you…enjoy the rest of your life». Schöne Punchline zum Schluss.

Gegen 18:50: Hodgy Beats und Left Brain (mit Spanner-Mantel und Hundekappe) von den momentan krass gehypten OFWGKTA (Odd Future Wolf Gang Kill Them All) betreten die Bühne. Die Jungs sind zum ersten Mal in der Schweiz, umso gespannter sind wir. Vor allem natürlich auf Rudelführer Tyler The Creator. Der Crowd vor der Bühne geht es ebenso – «Wolf Gang»-Chöre bereits vor dem ersten Ton. Dann humpelt Tyler mit Krücken und Gipsbein auf die Bühne. Notgedrungen nimmt er auf einem Barhocker Platz – er geht aber nicht minder ab wie seine Kollegen, zu denen sich inzwischen auch Mike G und Domo Genesis gesellt haben. Die Show ist kurzweilig. Logo, wenn sechs blutjunge Skaterboys aus LA fast über Nacht plötzlich auf der Hauptbühne in Frauenfeld stehen und die Sau raus lassen können. Von den Beats sind zwar fast nur die Bässe zu hören (sie bestehen auch aus fast nichts anderem). Und auch die Raps gehen im Durcheinander fast ein wenig unter.

Aber das ist komplett egal – was die Jungs bieten ist geil, weil man ihnen den Spass und Enthusiasmus ansieht. «I wish i could walk», bedauert Tylor seine Immobilität. Erst recht, nachdem Hodgy Beats von der Bühne ins Publikum springt. «That was cool», so der neidische Tylor. Gegen Ende des Konzerts, inzwischen hat Regen eingesetzt, humpelt Tylor schliesslich zum Bühnenrand – und gibt nochmals alles. Nach einer kurzen und schmerzlosen Verabschiedung spielt die Odd-Future-Djane (!) den Track «Earl» von Earl Sweatshirt. Als Andenken: Der Teenager wurde nach dem riesen Hype um OFWGKTA von der Mami kurzerhand in ein Internat in der Südsee verbannt – sagt man. Nächstes Mal ist Earl hoffentlich mit dabei. Dann wieder nach hinten: Bushido geistert bereits mit dem Zahnstocher im Mundwinkel im Backstage herum. Auch Kool Savas ist schon auf Platz.

17:30: Die Kalifornier von Far East Movement machen vor allem eines: Party. «Like a G6» heisst der grosse Hit der Elektro/Dance/Rap/Dingsbums-Crew mit asiatischen Wurzeln. Irgendwie wirkt das Kollektiv wie die Black Eyed Peas mit Schlitzaugen. Und wie bei BEP geht das Publikum auch bei Far East Movement ab wie ein Zäpfchen. Stimmungsmässig bis jetzt der Höhepunkt – wenn auch Geschmackssache. Das hätte auch gut um 3 Uhr nachts ins Afterparty-Zelt gepasst. Gegen 18 Uhr fallen (kurz) die ersten Regentropfen.

16:19: Atmosphere aus Minnesota rocken Bühne 1. Einer der wenigen Acts mit Liveband. Kommt gut – auch wenn es dem befreundeten Musikjournalisten «zu experimentell» war. Ein Rapkollege findet den Gig «nervig». Ich bin anderer Meinung: Vorne der charismatische Rapper, hinten die Band (das war nicht immer so), das könnte sich so einpendeln. Der Erfolg gibt ihnen recht. Was sonst noch bleibt? Slug-Zitate wie «I don’t feel good, too fucking hung over» oder «every woman looks better when she’s undressed» oder «You like to squeeze butts?». Ja!

15:45: «Slam!» schallt es von der Nebenbühne – die Schreihälse von Onyx sind im Haus. Und wie! Die Crew aus Queens gibt schon seit über 30 Minuten Vollgas – ebenso das Publikum. Die ganz verbissenen präsentieren stolz ihr Onyx-Tattoo (siehe Bildstrecke) und Rapper Sticky Fingaz nimmt ein Bad in der Menge. Während seine Bandkumpels Fredo Starr (neu v.a. Schauspieler) und Sonee Seeza (soll in Basel eine Freundin haben).

Ghetto-Phrasen dreschend hopst Muskelmonster Sticky Fingaz per Purzelbaum zurück auf die Bühne – welch ein Bild. Auch sonst lässt die Show der Crew nichts zu wüschen übrig, gibt es doch zahlreiche ihrer 90er Hits zu hören – von «Shut em Down» über «Raise it up» bis hin zu «Throw ya Gunz in the Air». Ein Segen für uns 90er-Kids. Während des Gigs präsentieren die drei Rapper ein «Madface» wie es ihr Bandmaskottchen besser nicht hinkriegen würde. Einzig mit Floskeln wie «Real HipHop» (das wissen wir doch – wir sind in Europa!) und «Rest In Peace To…» hätten sich die noch immer fitten Altmeister etwas zurückhalten können.

14:30: Los geht’s. Atlanta-Sänger und Produzent Ryan Leslie, zuletzt gehört z.B. auf dem jüngsten Kanye West-Album, rockt als erster dieses Jahr die Hauptbühne. Wobei: er soult sie eher. Locker flockige Kost, ideal für den sanften einstieg in ein anstrengendes Openair-Weekend. Für uns zu soft. Wir freuen uns auf eine geballte Ladung Hardcorerap aus Queens NYC: Um 15h spielen Onyx auf Bühne 2. Sie ersetzen Jay Electronica, dessen Gig am Royalarena Festival 2010 sowieso enttäuschte. Ryan Leslie schwenkt die Schweizer Fahne…das finden wir toll. Das Wetter ist übrigens heiss und sonnig. Ha! Auch Tyler The Creator wurde bereits gesichtet – Vodka trinkend.

Wer noch nicht genug hat: Hier meine Ticker zum Openair Frauenfeld 2010.

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